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Danilo Dolci - Gewaltfrei für soziale Gerechtigkeit
Barbara Müller
Soziale
Gerechtigkeit herzustellen ist eine der schwierigsten Aufgaben, die im Rahmen
von Friedensprozessen geleistet werden müssen. Das Beispiel von Danilo Dolcis
Arbeit in Sizilien zeigt, wie sich Menschen unter sehr schwierigen
Bedingungen dieser Aufgabe annehmen.
Hinter
den Schlagwörtern von Flexibilisierung und Globalisierung und einer
anscheinend unabdingbar notwendigen Herrschaft der Finanzmärkte verbirgt sich
im Klartext der Ruf nach mehr Entlassungen und weniger Sozialstaat. Dieser
Trend hat weitreichende Konsequenzen. Es droht - so sieht es Bourdieu - die
Zerstörung der "europäischen Staatszivilisation, die mehrere
Jahrhunderte gebraucht hat, um sich zu entwickeln..."
Noch
sind Gegenkräfte nicht formiert, es fehlt darüber hinaus an
Zielvorstellungen, nachdem "Sozialismus" als Alternative
offensichtlich abgedankt hat. Mit Blick auf die neonationalistischen
Tendenzen in Frankreich oder auf die polizeistaatlichen Entwicklungen in den
USA ist es noch nicht entschieden, ob es fortschrittliche Gegenkräfte sein
werden.
Gewaltfreie Bewegungen gegen Armut
Befreiung
von Armut und Marginalisierung ist kein neues Thema, und es überrascht auch
nicht, daß sich gewaltfreie Bewegungen immer auch diesem Thema gestellt und
den Zusammenhang von Armut, Herrschaft und Militarismus thematisiert haben. Neu
ist das Thema nur dann, wenn man die Entwicklung von gewaltfreien sozialen
Bewegungen in dem kurzen Atem der letzten 50 Jahre und in dem begrenzten Raum
der Bundesrepublik sieht. Hier hat sich Gewaltfreiheit vornehmlich mit
Militarisierung und mit den Überlebensgefahren durch
Massenvernichtungsmitteln auseinandergesetzt. In dem Maße, wie die
materiellen Überlebensfragen auch hier in den Vordergrund rücken, wird es
nötig, Strategien für die Auseinandersetzung mit diesen Fragen zu entwickeln
und hierin das gewaltfreie Potential einzubringen. Hierbei stehen wir
allerdings am Anfang, denn es ist nötig, unsere Situation genau zu erfassen,
um aus den geschichtlichen Beispielen Schlußfolgerungen ziehen zu können. Es
gibt verschiedene Beispiele von gewaltfreien Kampagnen, die soziale und
ökonomische Problematiken angingen. Im folgenden wird als Beispiel die
Entwicklungs- und Aufbauarbeit von Danilo Dolci in Sizilien seit 1953
beschrieben.
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Sizilien: gegen Mafia und Regierung
In
Sizilien wird 1955 von Danilo Dolci und einigen MitarbeiterInnen das
"Centro Studi e Iniziative" eröffnet. Dieses Zentrum führt in den
folgenden Jahren systematische Umfragen und Untersuchungen über die Ursachen
der "unbeschreiblichen und zugleich sinnlosen Not" in Westsizilien
durch. Diese Untersuchungen sind die Basis für grundlegende Reformen und
konkrete Projekte. Diese entstehen immer im Dialog der Bevölkerung, den das
Zentrum zu organisieren hilft: durch Diskussionen auf Marktplätzen und in
Kinos, durch konsequente Aufklärungs- und Informationsarbeit. In den Jahren
1955 bis 1962 werden in der Region Selbstanalysen durchgeführt und
veröffentlicht. Sie prangern die Gewalt der Mafia an, und decken die
Entwicklungspotentiale der Region auf. Mit gewaltlosen Aktionen durchbricht
Dolci die Apathie und Mutlosigkeit, die die Menschen lähmt. Der
"umgekehrte Streik" wird zum Sinnbild für die Absurdität der
Situation und den Witz und die Kreativität, die die gewaltfreie Aktion
entfaltet. Dazu Dolci: "Im Winter 1955 litt ein Großteil der Bevölkerung
Partinicos an verzweifeltem Hunger und war in jeder Hinsicht vom Staatsleben
ausgeschlossen. Als wir die ersten Bauernversammlungen abhielten, schlugen
viele vor, Steine gegen die Fenster der Polizeistation zu werfen oder das Rathaus
anzuzünden. ... Nach eingehender Diskussion wurde ein eintägiger Hungerstreik
beschlossen, dem einige Tage später ein "umgekehrter Streik"
folgte, bei dem eine verfallene Landstraße wieder befahrbar gemacht werden
sollte. Nahezu furchtlos beteiligte sich die Bevölkerung an dem Streik, trotz
des massiven Einsatzes der Polizei. Einige Fischer und Bauern sagten:
"Sie können uns höchstens zum Essen zwingen." Man war sich bewußt,
niemandem Böses zu tun, und in wenigen Tagen gelang es, mit dem Protest und positivem
Verhalten die öffentliche Meinung mehr als je zuvor auf sich aufmerksam zu
machen."
Die
Errichtung eines Staudamms in den Jahren nach 1962 ist das erste große
Projekt, das in der Region entwickelt und der Regierung - und der Mafia -
abgetrotzt wird. Die damit verbundenen Veränderungen im Herrschaftsgefüge der
Region beschreibt Dolci: "Über die verzweifelte Bevölkerung herrschte
die Mafia mit ihren starken politischen Verbindungen: es gab keine Aussicht
auf Veränderung. Zusammen mit den aufmerksamsten Beobachtern werden mögliche
Lösungen gesucht. Man prüft die Notwendigkeit und Möglichkeit für den Bau
eines großen Staudamms zur Bewässerung des Gebietes. Man betreibt eine
tiefgreifende Aufklärungsarbeit, damit die Bevölkerung genau verstehen kann,
was ein Staudamm ist. Der Druck geht zuerst von wenigen aus, verbreitet sich
dann immer weiter und läßt nicht nach, bis mit dem Bau eines Staudamms
begonnen wird. Unter den Arbeitern der Großbaustelle entwickelt sich eine
Gewerkschaft. Beschlüsse werden nicht mehr durch die Mafia gefaßt, die an
Prestige verliert. Die lokalen Mafiosi und ihre Beziehungen zu zwei mächtigen
Regionalpolitikern werden aufgedeckt: die zwei Politiker werden von der
Regierung ausgeschlossen. Die Bauarbeiten werden beschleunigt. Es entstehen
die ersten, wenn auch rudimentären Zentren zur Bildung einer demokratischen
Bewässerungsgenossenschaft, um demokratisches Wasser zu bekommen und kein
Mafia-Wasser. Bauernverbände entstehen. Im nahen Tal des Belice hat man
inzwischen begonnen, Druck auszuüben, um den Bau eines neuen, noch größeren
Staudammes durchzusetzen. Es entstehen kommunale und regionale
Planungszentren. Inzwischen wächst unter der Teilnahme der Bevölkerung ein
Zentrum für die Bildung von Expertenkadern für Entwicklungsplanung." Und
immer wieder sind es Hungerstreiks, Fastenaktionen und Demonstrationen, durch
die auf jeweils konkrete Mißtände aufmerksam gemacht und die Öffentlichkeit
mobilisiert wird. Ein internationaler Unterstützerkreis hilft mit
materieller, Medien-Unterstützung und fachlicher Expertise. Zu diesen
Personen gehören Johan Galtung, Paulo Freire, Robert Jungk, Jean Goss, Noam
Chomski und Jürgen Habermas.
Neue
konstruktive Strukturen entstehen, wie die Genossenschaften, die die
Verwaltung des kostbaren Wassers in die eigene Regie übernehmen. Die
Entwicklung in der Region muß nicht nur einer unwilligen Regierung, sondern
auch der Mafia abgetrotzt werden, die um ihren Einfluß fürchtet, wenn sich
Menschen in unabhängigen Strukturen organisieren. Die Analyse der mafiösen
Strukturen, die Dolci leistet, bringt ein eng verzahntes Geflecht von
Abhängigkeitsstrukturen und manipulativen Techniken in Politik, Medien und
Wirtschaft zum Vorschein, die vom kleinsten Dorf bis in die höchsten
Entscheidungsgremien reichen und mit Begünstigungen, Druck und Terror dafür
sorgen, daß sich nichts ändert. Detailliert und nüchtern benennen Dolcis
Analysen die Instrumente der Unterdrückung, um sie zu entlarven und zu
überwinden. "Genau betrachtet", faßt Dolci die Liste der
Unterdrückungsmittel zusammen, "setzen diese Mittel der Unterdrückung
nicht nur die genaue Kenntnis der Bevölkerung mit ihren Fehlern und Grenzen
voraus, sie sind auch darauf gerichtet, indirekt oder durch Zwang Fehler und
Grenzen zu erhalten, besonders jene, die mit Bewußtseinsbildung und
Organisation zusammenhängen. Sie setzen voraus, daß es angesichts der
gegebenen Unreife und den mehr oder weniger raffinierten Ablenkungsmanövern,
auf die fast alle hereinfallen, nicht allzu schwierig ist, sich Geld, Macht,
Märkte und den Tod der Oppositionellen zu sichern, wenn man nur die übelsten
Schandtaten als "Initiativen zur Rettung des Vaterlandes", als
"Werkzeuge des Friedens" ausgibt und durchsetzt.".
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Fassen wir
zusammen, können wir festhalten, daß der Kontext der Arbeit von Dolci der
unterentwickelte italienische Süden ist. Dort gelingt ihm ein nachhaltiges
Empowerment der Bevölkerung, die sich im Kampf um die Ressource Wasser ein
Stück materieller Autonomie und praktischer Selbstbestimmung erkämpft. Interessant
ist der machtpolitische Kontext, der durch die offen gewalttätige direkte
Herrschaft der Mafia und durch die strukturell gewaltsame Herrschaft der
fernen, in der Region nicht wirklich vorhandenen und an den Menschen nicht
wirklich interessierten nördlichen Bürokratie gekennzeichnet ist. Hier
gelingt durch mutige Aufklärungsarbeit und durch einen effizienten, von außen
unterstützten, gewaltfreien Druck, ebenfalls ein Stück Befreiung. Dieser Sieg
ist stets prekär, er muß immer wieder neu erkämpft werden.
Der
vorstehende Text ist ein Auszug aus einem Vortrag, den Barbara Müller auf der
Mitgliederversammlung des Bundes für Soziale Verteidigung im März 1997
gehalten hat. Die Red. (CS)
Barbara Müller ist Historikerin,
Mitarbeiterin des Instituts für Friedensarbeit und gewaltfreie
Konfliktaustragung (Wahlenau) und Vorstandsmitglied im Bund für Soziale
Verteidigung (BSV).
E-Mail: Institut_fgk@bionic.zerberus.d
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